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Überkommenes wird in unserem Denken im
gleichen Maße fragwürdig wie Fortschrittsgläubigkeit: Das Gestern
ist nicht zu wiederholen, aber das Morgen kann auch nicht einfach
eine verbesserte Form des Heute sein. In die Tradition zu retirieren
ist so aussichtslos wie die Hoffnung, dass dem Fortschritt, so wie
er derzeit betrieben wird, ein zweckmäßiger Mechanismus der
Selbstregulation innewohne, der endlich alles zum Guten wenden
werde.
In dieser Situation gibt es niemanden, der für sich in Anspruch
nehmen dürfte, Gebrauchsanweisungen geben zu können; die gleichwohl
im Umlauf befindlichen, die das Heil in der Programmierung und
Planung suchen, müssen skeptisch geprüft und ihre Fehler müssen
benannt werden. Skeptisches Denken ist auf jene gerichtet, die
glauben, den Code des Lebens und des Zusammenlebens entschlüsselt zu
haben und daraus schnellfertig die Verfahren ihres Handelns ableiten
zu können. Skeptisches Denken erbringt Einwände und Einsichten, die
nicht immer Weg und Ziel, aber doch eine Richtung anzeigen.
Die Prüfung kann überall ansetzen: Dort, wo das Denken als
Philosophie betrieben wird, und dort, wo es, formuliert oder nicht,
einem Handeln zugrunde liegt - in der Naturwissenschaft und der
Technik, in der Anthropologie und in der Pädagogik, in Politik und
Soziologie -, kein Bereich, in dem nicht ältere oder brandneue
Gebrauchsanweisungen gültig wären, die der Prüfung bedürfen.
Diese Aufgabe haben sich die „Scheidewege“ gestellt. Die Vielfalt
der möglichen Themen, in denen kein Bereich des menschlichen Lebens
ausgespart sein kann, hat ebensolche Vielfalt der Form zufolge: sie
reicht vom Essay bis zur Polemik, von der Beschreibung bis zur
Mahnung, von der Rezension bis zum Bekenntnis - das heißt: von der
Meditation bis zum Kampf.
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